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Wenn die Kohle Dörfer frisst

Das Archiv verschwundener Orte in Forst ist das Ergebnis des verlorenen Kampfes der ehemaligen Bewohner von Horno um ihr Dorf. 15 Jahre haben die Menschen um den Erhalt des Lausitzer Dorfes mit 320 Einwohnern gekämpft. Vergeblich. Horno musste 2004 den Kohlebaggern weichen. Das ehemalige Dorf ist 2005 in der Mondlandschaft des Braunkohletagesbaus Jänschwalde verschwunden. Der Großteil der Menschen zog in den zwischen 2002 und 2004 neu aufgebauten Ort Neu-Horno, etwa fünfzehn Kilometer von dem alten Dorf entfernt.

Horno ist kein Einzelschicksal. Das Archiv verschwundener Orte dokumentiert die Geschichte von 87 Dörfern in der Lausitz, die komplett der Kohle weichen mussten, und von 50 Dörfern, die teilweise „devastiert“ wurden. Dazu gehören auch acht „versunkene“ Dörfer, die aufgrund von Talsperren aufgegeben werden mussten, damit Kraftwerke genügend Kühlwasser zur Verfügung haben.

Sie alle bekommen in dem 2006 eröffneten Archiv verschwundener Orte eine Würdigung. „Die Idee zu dieser Erinnerungsstätte mit Dokumentationszentrum kam im Zug der Verhandlungen zur Umsiedlung“, erklärt Dörthe Stein, die von Anfang an in der Ausstellung arbeitet.  „Hier gibt es Informationen zu allen seit 1924 verschwundenen Dörfer.  Die Datenbank wird erweitert, sobald wir neues Material recherchiert haben.“ 

Die meisten Dörfer in der Lausitz wurden in den 1970er und 1980er Jahren zerstört, erläutert Dörthe Stein. Widerstand sei zu DDR-Zeiten kaum möglich gewesen. „Den Menschen wurde oft neuer Wohnraum in Plattenbauten angeboten. Später gab es die Möglichkeit, mit staatlicher Unterstützung ein Eigenheim zu bauen.“  Die Menschen in Horno wurden 1980 das erste Mal informiert, dass das Dorf verschwinden soll. Sie hofften, dass sie bleiben können und haben ihr Dorfleben bis zuletzt gepflegt. Mitte der 80er Jahre wurde Horno als „schönstes Dorf“ in der Region ausgezeichnet. Noch 1996 feierten die Hornoer ihr 650. Dorfjubiläum unter dem Motto: „Wir feiern und bleiben.“ Ein Zeitzeuge berichtet in einem Video: Die Hornoer lebten so, als ob es die Kohle und die Entscheidung über den Abriss nicht gab. In der Ausstellung wird auch über den jahrelangen Protest der Hornoer nach der Wende erzählt. Es ging damals nicht nur um den Erhalt des Dorfes und der Heimat von Menschen, sondern es ging um die Energiepolitik der Zukunft. Horno wurde zum Symbol des Widerstands gegen fossile Energien. Solidarität kam von allen Seiten, außer von der Braunkohlewirtschaft. Es gab Protestsongs und Kulturfestivals. Die Ausstellung zeigt Fotos von 1993. Darauf sind Demonstranten mit Bannern „Die Jugend fordert Energiewende jetzt.“

Die Geschichte des Lausitzer Tagebaus ist eng mit dem Leben der Sorben verbunden. Mehrheitlich waren es Sorben, die in den verschwundenen Orten lebten. Die Umsiedlungen bedrohten ihr kulturelles Erbe. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht nicht die Zerstörung der Natur und die Klimafolgen durch Abbau und Verstromung von Kohle, sondern die Schicksale der Menschen, die umgesiedelt wurden.  Der Ausstellungsraum ist wie eine Wohnlandschaft mit Landkartenteppich gestaltet, der die Ausmaße des Tagesbaus in der Lausitz verdeutlicht. Der Teppich ist interaktiv, das heißt, Besucher können mit einem „Informationssauger“ verschwundene Orte anfahren. Über die Datenbank erhalten sie Informationen zu dem Dorf, über dessen Geschichte, zu den ehemaligen Bewohnern und zu deren Umsiedlung.  

Als feststand, dass es keine Rettung für Horno gibt, entschieden sich die Bewohner mehrheitlich, gemeinsam in ein neues Dorf umzusiedeln. Dörthe Stein war Anfang 30 als sie nach Neu-Horno, heute ein Stadtteil von Forst, umzog. Neu-Horno wurde nach dem Vorbild des abgebaggerten Dorfes als Straßenangerdorf auf einer landwirtschaftlichen Fläche komplett neu aufgebaut. Entstanden sind 69 Einfamilienhäuser jeweils mit kleinen Nebengebäuden und Garten sowie drei Mehrfamilienhäuser mit Mietwohnungen. In der Dorfmitte steht die neue Kirche mit altem Inventar wie Altar, Taufbecken, Orgel, Kronleuchter, Glocken etc. umgeben von einer Grünanlage mit Dorfteich. Der Friedhof liegt am Ortsrand – auch die Toten und deren Grabsteine sind teilweise mit umgezogen. Nach knapp 20 Jahren sind die neu gepflanzten Bäume und Büsche gewachsen. Das üppige Grün lässt erst auf den zweiten Blick erkennen, dass hier ein komplett neues Dorf entstanden ist. Dörthe Stein ist angekommen in Horno, aber vergessen wird sie den Ort ihrer Kindheit nicht. „Wenn ich an meine Oma denke, die oft unter dem alten Nussbaum saß, wird mir immer wieder bewusst, dass es diesen Ort nicht mehr gibt.“ Schaut man sich im Dorf um, gibt es viele Solaranlagen auf den Dächern. Aber noch immer gibt es Orte in der Lausitz, deren Zukunft ungewiss ist. Hoffentlich müssen keine Dörfer mehr in dem Archiv aufgenommen werden.

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