Oder-Neiße grenzenlos

Schwedt kann Wandel

Schwedt hat sich fĂŒr ein großes Sommer-Musikfestival rausgeputzt. Überall sind BĂŒhnen aufgebaut. Von der historischen Innenstadt ist nach 1945 nicht viel ĂŒbriggeblieben. Moderne Wohnanlagen mit bunt bepflanzten Balkons stehen neben wiederaufgebauten Kirchen aus Backsteinen. Riesige FassadengemĂ€lde bringen Farbe in die Stadt und sorgen fĂŒr manche Illusion. Schwedt nennt sich Nationalparkstadt. Dieser beginnt direkt an der Stadtgrenze und erstreckt sich ĂŒber 60 Kilometer entlang der Oder. Es sieht nicht danach aus, dass hier die Lichter ausgehen. „Schwedt: Platz fĂŒr morgen.“ Damit wirbt die Stadt.

60 Jahre lang kam das Erdöl ĂŒber die mehr als 5000 Kilometer lange Druschba-Pipeline direkt aus Sibirien nach Schwedt an der Oder in das Erdölverarbeitungswerk, die heutige PCK-Raffinerie. Seit Januar 2023 hat sich Deutschland zu einem Ölembargo gegen Russland verpflichtet. Und wie geht es in Schwedt weiter, wenn die Raffinerie als Hauptarbeitgeber kein russisches Erdöl mehr bekommt? Das fragen sich viele in der Stadt.

Silvio Moritz, stellvertretender BĂŒrgermeister in Schwedt, gibt zu, dass die politische Weltlage die Stadt und vor allem die Industrie rund um die Raffinerie in große Schwierigkeiten gebracht hat. „Aber hier gehen die Lichter nicht aus“, ist er ĂŒberzeugt. FĂŒr ihn steht fest: „Schwedt kann Wandel.“  Das habe die Stadt schon mehrfach bewiesen.

Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich Schwedt von einer kleinen uckermĂ€rkischen Tabakstadt zu einer der bedeutendsten IndustriestĂ€dte in der damaligen DDR entwickelt. Nach 1990 kam die zweite Transformation: Die Erdölraffinerie und die Papierindustrie ĂŒberlebten. Die ArbeitsplĂ€tze bei PCK reduzierten sich allerdings 8000 zu Wendezeiten auf heute 1200. Gleichzeitig siedelten sich mittelstĂ€ndische Betriebe als Dienstleister und Zulieferer fĂŒr PCK an und schufen neue ArbeitsplĂ€tze. Die Einwohnerzahl reduzierte sich von ĂŒber 50000 auf 34000. Wohnblöcke wurden abgerissen, Siedlungen mit EinfamilienhĂ€usern sind entstanden.

Und jetzt steht die dritte große Transformation an. Moritz stellt klar, dass die Transformation nicht erst mit Ausbruch des Krieges in der Ukraine begann. „Dadurch wird der ganze Prozess nur beschleunigt.“ Schon vorher habe sich die Stadt und vor allem die ansĂ€ssigen Unternehmen auf den Weg gemacht, vom Erdöl als fossilem EnergietrĂ€ger wegzukommen. Schon vor 2022 gab es eine Strategie zur Produktion von grĂŒnem Wasserstoff.“ Moritz ist seit eineinhalb Jahren im Amt. „Ich bin angetreten, um diese Transformation von Seiten der Verwaltung zu begleiten und zu unterstĂŒtzen.“ Jetzt muss er einen Turbogang einlegen. „Nein, wir haben uns nicht zu spĂ€t auf den Weg gemacht“, begegnet er möglicher Kritik. „Aber jetzt stehen wir unter großem zeitlichen und wirtschaftlichen Druck.“

Philip Pozdorecz sieht als Wirtschaftsförderer seine Aufgabe darin, innovative Unternehmen, die die Transformation vorantreiben wollen und können, zu ĂŒberzeugen, dass Schwedt ein guter Standort sei. „DafĂŒr stellen wir Innovationsinfrastrukur bereit.“  Konkret heißt das, dass in Schwedt ein Innovationscampus mit mehreren Standorten aufgebaut wird. Hier sollen Start-ups anwendungsorientierte Forschung betreiben können.  Pozdorecz berichtet zum Beispiel von zwei Firmen, die in einer alten Industriehalle zu neuen Fasern aus ungenutzten Zellulosefasern aus der Landwirtschaft oder aus wiedervernĂ€ssten Mooren forschen. Ziel ist es, zukunftsfĂ€hige und ressourcenschonende Materialien fĂŒr die Papierindustrie und nachhaltige Verpackungsalternativen aus AgrarabfĂ€llen zu entwickeln.

Pozdorecz weiß, dass in Schwedt nicht alle so optimistisch in die Zukunft blicken. Gerade bei der Ă€lteren Generation sei die Verunsicherung groß. Aber wir wollen der jungen Generation zeigen, dass sie hier vor Ort Chancen haben. Bei den jungen FĂŒhrungskrĂ€ften und Ingenieur*innen in den Industriebetrieben sei das angekommen. Dort wird an der Zukunft gearbeitet und es ist klar, dass es kein ZurĂŒck mehr zu fossiler Energie gibt. „In Schwedt entsteht zum Beispiel ein Standort, an dem GrĂŒner Wasserstoff durch Elektrolyse unter Verwendung von Strom aus erneuerbaren Energien hergestellt wird. Das ist unsere Zukunft und daran arbeiten wir.“

Pozdorecz berichtet von einer Kooperation von PCK und dem Energieunternehmen Enertrag, das ausschließlich erneuerbare Energien produziert. Gemeinsam wollen sie die Raffinerie so weiterentwickeln, dass sie die fossilen Ausgangsprodukte nicht mehr braucht.

Der Wirtschaftsförderer stellt aber auch klar, dass die ehrgeizigen Ziele der Industrie hinsichtlich KlimaneutralitĂ€t nur erreicht werden können, wenn die Unternehmen wirtschaftlich bleiben. „Deshalb ist das Hochfahren der Raffinerie nach dem Erdölembargo Garant und Voraussetzung fĂŒr die Transformation.“  Nur aus einer wirtschaftlichen starken Position heraus könne die Entwicklung gelingen. Deshalb gehe es in Schwedt und in der Region nicht nur um den Ausbau von erneuerbaren Energien, sondern um die Sicherung des Industriestandortes. „DafĂŒr brauchen wir kluge Köpfe und Investitionen in die Zukunft.“

An Argumenten fĂŒr Schwedt fehlt es nicht: Hier liegt der einzige Nationalpark Brandenburgs. Schwedt ist der grĂ¶ĂŸte Industriestandort Brandenburgs mit der höchsten Wirtschaftsleistung. Schwedt liegt gleich in zwei Metropolregionen: Berlin/ Brandenburg und Stettin. Das Entwicklungspotenzial ist groß. „Schwedt kann Wandel.“ Das muss die Stadt jetzt beweisen.

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