Oder-Neiße grenzenlos

Kreativ und glücklich in der Pampa

Arielle Kohlschmidt und Jan Hufenbach sind „Raumpioniere“. Gelandet sind sie 2009 in Klein Priebus, ein Dorf mit aktuell 78 Einwohnern direkt am Neißeufer etwa 40 Kilometer nördlich von Görlitz. Jetzt beraten und vernetzen sie Städter, die aufs Land ziehen wollen. Raumpioniere sind für Jan und Arielle Bahnbrecher und Wegbereiter. Sie sind Trendsetter gegen den Trend. Sie siedeln in Gebieten, denen andere den Rücken kehren.

„Gekauft habe ich das Haus schon 2005“, so Arielle. „Es war so unglaublich billig, denn zu dieser Zeit war hier absolute Untergangsstimmung“, begründet Arielle die Entscheidung. Aber warum macht man das? Jan ist in Flensburg geboren und Arielle in Cottbus. Sie erzählen von ihren bunten Lebens- und Berufswegen mit den unterschiedlichsten Stationen, bis sie sich irgendwann in Berlin trafen, von dort aus an die Neiße zogen und eine Kreativagentur gründeten. „Aufträge gab es von Anfang an genügend“, so die beiden Raumpioniere. „Wir sind aber auch Netzwerker, so dass wir schnell Menschen und Entscheidungsträger kannten“, ergänzt Jan. „Im Dorf wurden wir von Anfang an herzlich aufgenommen. Die Menschen waren einfach froh, dass sich wieder jemand für ihr Dorf interessiert“, erzählt Arielle. Und das haben die beiden: „Wir sind zwar nicht im Treckerverein und in der Feuerwehr, aber wir bringen das ein, was wir können.“ So gründeten sie eine WhatsApp-Gruppe für das Dorf und Arielle hat einen Film über das große jährliche Treckertreffen zusammengeschnitten. Sie unterstützen bei Förderanträgen oder Öffentlichkeitsarbeit. „Wir sind gut integriert“, resümieren beide.

Vor einigen Jahren haben sie die Raumpionierstation Oberlausitz gegründet, zunächst ehrenamtlich und mittlerweile durch Fördergelder finanziert. „Richtig Fahrt aufgenommen hat die Initiative als wir 2019 Neulandgewinner wurden“, so Jan. Neulandgewinner ist ein Förderprogramm des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung e.V. und des Vereins „Neuland gewinnen“. Es unterstützt Menschen, die selbst anpacken, um ihre Heimat zu einem Ort zu machen, an dem sie gerne leben. „Die Initiative Raumpionierstation ist das medial erfolgreichste Projekt dieser Art in Deutschland mit zehn Millionen Pressekontakten seit 2018“, erzählt Arielle stolz, denn ihre eigene Agentur hat maßgeblich dazu beigetragen. „Ziel ist es, Menschen zu beraten, die mit dem Gedanken spielen, der Stadt den Rücken zu kehren und aufs Land zu ziehen. Dabei geben wir in erster Linie unsere Erfahrungen weiter.“

Die Raumpionierstation versteht sich auch als großes Netzwerk in der Oberlausitz. „Wir besuchen Veranstaltungen, um über den Umzug von der Stadt aufs Land zu berichten. Dabei machen wir die Oberlausitz bekannt und räumen manche Vorurteile aus dem Weg“, fasst Jan zusammen. „Außerdem vermitteln wir Kontakte aus unserem großen Netzwerk.“ „Aber wir machen keine Werbung für das Landleben“, ergänzt Arielle, „sondern erzählen von der Realität und dazu gehört zum Beispiel, dass es hier schlecht um den öffentlichen Nahverkehr steht.“ Sie erzählen von ihren Anfängen als sie ohne Auto aus Berlin hierherzogen. „Mittlerweile haben wir zwei Autos.“ Immer wieder kommt auch die Frage nach den Nazis. „Ja, die gibt es“, so Jan, „aber die sind hier nicht bestimmend.“ Er berichtet von politischen Diskussionen im Dorf, in denen man nicht immer einer Meinung sei. „Da muss man dann seine persönlichen Grenzen setzen.“  Zum Dorfleben gehöre es eben auch, sich mit den Geschichten der Menschen auseinanderzusetzen und sich unabhängig von politischer Einstellung gegenseitig zu helfen. „Als unser Dach neu gedeckt wurde, war es selbstverständlich, dass alle mithelfen. Und da sitzen dann vielleicht auch Wähler aller Couleur auf unserem Dach. Und genauso helfen wir jemanden mit einer anderen politischen Gesinnung“, so Jan. „Jeder hier im Dorf wird gebraucht und muss etwas in den Topf werfen.“

Die Großstadt vermissen die beiden nicht. „Die kommt zu uns. Und wir sind so viel auf Veranstaltungen unterwegs, dass wir ständig im Austausch sind und neue Inspirationen bekommen“, berichtet Arielle. Auch das Angebot an Kultur sei ausreichend. „Nicht immer vor der Haustür, aber in Berlin dauert es ja auch, bis man von seiner Wohnung im entsprechenden Theater oder Konzertsaal ist.“ Arielle erklärt, dass für sie die Impulse aus der Natur für ihre kreative Arbeit viel wichtiger seien als die aus der Großstadt.

„Wer Lust hat, etwas zu gestalten und sich zu entfalten, der hat in dieser Region viele Möglichkeiten. Es gibt Häuser und Arbeitskräfte werden auch überall gesucht – egal ob in der Schule, im Pflegebereich oder in der Verwaltung“, machen die beiden doch ein wenig Werbung für das Leben in der Pampa. Eines fällt den beiden dann doch ein, was sie am Anfang vermisst haben: Spontan gut essen zu gehen. „Dafür versorgen wir uns aber mittlerweile zu 100 Prozent selbst mit Kräutertee und Beeren aus unserem Garten.“ Und vielleicht findet sich ja demnächst ein Raumpionier, der sich gastronomisch verwirklichen möchte.

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