Oder-Neiße grenzenlos

„Ich verstärke das Dreiländereck musikalisch“

Grzegorz Dusza hat als Englischlehrer seinen eigenen pädagogischen Stil entwickelt. In seiner Freizeit organisiert er regelmäßig Events für Reggae und Dub-Musik im Dreiländereck.

Grzegorz Dusza lebt das Dreiländereck – beruflich, privat und als Musiker. Er genießt es, sich frei zwischen Polen, Tschechien und Deutschland zu bewegen. Die Wahlheimat des polnischen Englischlehrers ist Großhennersdorf in Deutschland – ein Dorf mit etwa 1500 Einwohner, etwa zehn Kilometer nördlich von Zittau. „Schon als Schüler habe ich dieses Dorf durch regelmäßige Schüleraustausche in das benachbarte Herrenhut kennen und schätzen gelernt“, erinnert sich der 37-Jährige. Aufgewachsen ist er in Bogatynia, einer Bergbaustadt im Süden Polens, eingezwängt zwischen den Grenzen zu Tschechien und Deutschland, im Rückblick nicht nur geographisch eingeengt, sondern auch vom Denken her. „Für die meisten Menschen gab es nur nördlich als Bewegungsrichtung, denn im Westen liegt Deutschland, im Osten und im Süden Tschechien – und das auch noch Jahre nach der politischen Wende.“

Grzegorz dagegen nahm als Jugendlicher an verschiedenen Workshops und Aktivitäten des Projektes Lanterna futuri in Großhennersdorf teil. Seit bald 20 Jahren entwickelt der „Leuchtturm der Zukunft“ inter- und transkulturelle Lernangebote für Jugendliche in der Grenzregion „Da lernte ich das Dorf lieben.“ Er schätzte das offene Denken über Grenzen hinweg. Nach der Wende seien viele Menschen in den Ort zugezogen, da eine große diakonische Einrichtung Arbeitsplätze bot und soziale Projekte für die Region anstieß. „Es entstand eine aktive Kulturszene mit einer besonderen Stimmung.“ Überregional bekannt ist das Programmkino, das der Verein Kunstbauerkino ins Leben rief. Seit 20 Jahren ist der Verein Veranstalter des dreisprachigen „Neiße-Film-Festival.“ Und genau in diesem Ort lebt er heute.

Begeistert erzählt er vom Englischunterricht, den er während seiner Schüleraustausche in das benachbarte Herrenhut erlebte. „Es war ein offener Unterricht, in dem lebhaft diskutiert wurde und die Schüler immer zum Sprechen angeregt wurden.“ Noch heute erinnert er sich an die Lektüre, die im Unterricht behandelt wurde: Forrest Gump. Für den Jugendlichen aus Polen stand schon damals fest: Er wollte Englischlehrer werden und seinen eigenen pädagogischen Stil entwickeln, der nichts mit dem Frontalunterricht und dem Grammatikpauken seiner Schulzeit zu tun haben sollte. Studiert hat Grzegorz in Jelenia Góra (Hirschberg) und Wrocław (Breslau). Seine Abschlüsse sind in Deutschland anerkannt, so dass er sein Berufsziel erreicht hat und in seinem eigenen Unterrichtsstil an der Freien Schule in Ebersbach unterrichtet. Seine Begeisterung für das Dreiländereck und interkulturelles Lernen kann er an seinem Arbeitsplatz weiter ausleben, denn die Schule direkt an der tschechischen Grenze ist in einem Verbund mit acht Schulen aus allen drei Ländern. „Als erste Fremdsprache lernen unsere Schüler und Schülerinnen ab der 1. Klasse Polnisch oder Tschechisch. Englisch kommt dann als 2. Fremdsprache dazu“, erklärt der Pädagoge. „Die Schule fördert von Anfang an die Begegnung von Kindern und Jugendlichen aus den drei Ländern. Schul- und grenzüberschreitende Projekte im Bereich Umwelt- und Naturschutz gehören zum Schulkonzept.“

„Ich denke nicht mehr in Grenzen. Meine Freunde leben in Bogatyna, Rumburk oder Zittau, und da ist es egal, in welchem Land diese Städte liegen“, beschreibt Grzegorz sein Lebensgefühl. „Es funktioniert hier alles wie in einer Großstadt, nur das Wald oder Felder zwischen den Orten sind.“ Es gäbe auch grenzüberschreitenden öffentlichen Nahverkehr. „Allerdings fahren die Busse und Züge wie in vielen ländlichen Regionen viel zu selten.“

Auch in seinem Hobby – „nein, es ist mehr als ein Hobby, es ist schon fast Besessenheit“ – geht er grenzenlos im Dreiländereck auf:  Unter dem Namen „Tripoint Vibez“ organisiert er Events für Reggae und Dub-Musik.  „Zuerst habe ich ähnliche Partys in Breslau veranstaltet, aber sie funktionieren hier fast noch besser als in der Großstadt. „Ich verstärke das Dreiländereck musikalisch“, so Grzegorz, während er auf seine aufgetürmte Soundanlage zeigt. Etwa alle zwei Monate leiht er sich einen Transporter, um das Equipment zum jeweiligen Veranstaltungsort zu fahren – immer im Wechsel Polen, Tschechien, Deutschland. Die Tripoint-Vibez-Sessions stehen nicht nur für vibrierende Bässe und karibische Rhythmen, sondern sie bereichern das kulturelle Leben in der Oberlausitz und überbrücken Grenzen.  

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