Oder-Neiße grenzenlos

Grenzregionen für ein starkes Europa

Czesław Fiedorowicz ist überzeugt, dass wir starke Grenzregionen brauchen. „Von hier kommen wichtige Impulse für das eigene Land, aber auch für Europa. Nur wenn wir hier gut zusammenarbeiten, können wir es schaffen, dass in Polen und Deutschland irgendwann gleiche Lebensverhältnisse herrschen.“

Fiedorowicz ist Vorsitzender des polnischen Teils der Euroregion Sprewa-Nysa-Bóbr (Spree-Neisse-Bober). Er war 1993 maßgeblich an deren Gründung beteiligt. Das polnische Büro der Euroregion befindet sich in einer schmucken Villa direkt an der Neiße im polnischen Gubin. „Etwa 400 Meter von hier auf der anderen Seite der Neiße im deutschen Guben sitzen die deutschen Kollegen in ihrem Büro.“ Für Fiedorowicz ist es kein Problem, dass es zwei Vereine und zwei Büros für eine Euroregion gibt. „Die Zusammenarbeit ist hervorragend und wir stehen in ständigem Austausch.“ Im deutschen Verein der Euroregion sind 32 Mitglieder – Kommunen, Wirtschafts- und Sozialpartner, Verbände und Vereine, Bildungsträger und Privatpersonen. Im polnischen Verein sind 53 Mitglieder – Städte, Gemeinden und Landkreise.

Euroregionen bilden Gemeinschaften über Grenzen und Völker hinweg. Neben der Euroregion Spree-Neiße-Bober gibt es entlang der deutsch-polnischen Grenze drei weitere:  Neiße, Pro Europa Viadrina und Pomerania. Insgesamt ist Polen in seinen Grenzgebieten an 16 Euroregionen beteiligt. Czesław Fiedorowicz ist Vorstandsvorsitzender der Föderation der Euroregionen der Republik Polen. Die Euroregionen entlang der Deutsch-Polnischen Grenze sind für den gebürtigen Gubiner besonders wichtig. „Nach 1945 gab es zwischen Polen und Deutschland kaum Kontakt. Da haben wir viel nachzuholen und die Euroregion bietet einen guten Rahmen dafür.“

Die Deutsch-Polnische Grenze ist für Fiedorowicz auch eine Grenze zwischen der slawischen und der germanischen Welt. „Unsere Mentalität und Kultur sowie unsere Gewohnheiten sind sehr unterschiedlich.“  Aber trotzdem sei es möglich, vertrauensvoll zusammenarbeiten. „Das haben wir in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. Als Beispiele nennt er eine gemeinsame Gasversorgung für die Doppelstadt Guben/Gubin oder eine Umgehungsstraße, um den Verkehr in beiden Innenstädten zu reduzieren. Ein Meilenstein ist für ihn auch die Europaschule in Guben, die polnische Kinder genauso wie deutsche Kinder besuchen können. Das wichtigste Pilotprojekt ist für ihn aber die gemeinsame Kläranlage, die Mitte der 90er Jahre gebaut wurde. „Unser Ziel ist es, dass wir irgendwann eine Stadt werden. Und daran arbeiten wir.“

Die Euroregion erleichtert die Zusammenarbeit auf kommunaler Ebene. Genauso wichtig ist es aber, dass sich Menschen aus Deutschland und Polen begegnen. „Mehr als 1000 Partnerschaften haben wir in unserer Euroregion bereits initiiert, gebaut und unterstützt, zum Beispiel zwischen Dörfern, Vereinen, Schulen oder Feuerwehren.“  Es kommen immer wieder neue Themen für Partnerschaften dazu. „In letzter Zeit geht es viel um Energiethemen und um Gesundheit“, erklärt Fiedorowicz. Dazu gehört auch das Thema medizinische Versorgung. „Gubin hat kein Krankenhaus. Das nächste Krankenhaus in Polen ist etwa 30 Kilometer entfernt. Das Krankenhaus im deutschen Guben aber nur wenige Kilometer.“ So müssen jetzt Lösungen gefunden werden, dass Patienten aus Polen ganz selbstverständlich ins Krankenhaus nach Guben gehen können.

Die Euroregion verwaltet europäische Gelder zum Beispiel aus dem Förderprogramm „Interreg“. Über den Kleinprojektefond können grenzüberschreitende Kooperationen unterstützt werden. „Wer eine Idee hat, wie wir das Leben in der Grenzregion und die grenzüberschreitende Zusammenarbeit verbessern können, soll sich an uns wenden. Wir können sowohl inhaltlich beraten als auch bei der Antragstellung unterstützen.“

Ein Thema bewegt Fiedorowicz besonders: die Sprache. „Ich muss die Sprache meines Nachbarn können“, positioniert er sich. Er fordert, dass Kinder in Grenzregionen schon im Kindergarten die Sprache des jeweiligen Nachbarlandes spielerisch lernen. „In Schulen sollte es die Regel und nicht die Ausnahme sein, dass die Sprache der Nachbarn unterrichtet wird. „Da sind wir weit von entfernt.“ Dass alle nur noch Englisch lernen, ist für ihn keine Option. „Englisch als Fremdsprache zu lernen, ist selbstverständlich, aber die Sprache des Nachbarn muss ich trotzdem können.“ Er selbst spricht sehr gut Deutsch: „Als ich 1990 Bürgermeister von Gubin wurde, habe ich Deutsch gelernt, sonst hätte ich ja immer einen Dolmetscher gebraucht.“

Fiedorowicz beunruhigt der wachsende Nationalismus in Polen und in Deutschland und weltweit. „Das macht mir Angst. Wir sind doch alle voneinander abhängig und unsere grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Freundschaften zu unseren Nachbarn gefährden doch nicht die Souveränität eines Landes.“ Im Gegenteil Nationalismus gefährde den Frieden.“ Fiedorowicz sieht Grenzen nicht als etwas Trennendes, sondern als etwas Verbindendes. Das funktioniert aber nur, wenn die Grenzen in unseren Köpfen verschwinden und wir im Herzen gegenüber unseren Nachbarn aufgeschlossen sind.

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