Oder-Neiße grenzenlos

Gendern ist Wirtschaftsförderung

Die sächsische Kleinstadt Weißwasser in der Lausitz hat der Strukturwandel in den letzten 30 Jahren hart getroffen. Mehr als die Hälfte der Einwohner*innen haben die Stadt, die einst für Glasindustrie bekannt war, nach der Wende verlassen. Noch ist der Bevölkerungsrückgang nicht gestoppt und der Strukturwandel nicht beendet. Wenige Kilometer vom Zentrum der Kleinstadt liegen der Tagebau Nochten und das Kraftwerk Boxberg. Da das Kraftwerk zu den neueren gehört, soll es nach derzeitigen Plänen noch bis 2038 betrieben und die Kohle dafür abgebaggert werden.

Franziska Stölzel ist 29 Jahre alt und beschäftigt sich mit Transformation und Geschlechtergerechtigkeit in der Lausitz. Ihr Büro in Weißwasser befindet sich in einer renovierten Jugendstilvilla zwischen Plattenbauten am Markplatz.  Jobs hätte die Sozialwissenschaftlerin für Wandel und Transformationsprozesse auch in Berlin oder München bekommen können. Doch Stölzel hat sich bewusst für die Lausitz und Weißwasser entschieden. Ihre Heimat. „Denn das Thema Transformation rund um den Kohleausstieg fasziniert mich. Und wo in Berlin hätte ich so ein Büro und könnte den ganzen Tag lang das machen, was mir wichtig ist?“

In ihrer Masterarbeit beschäftigte sie sich mit der Lausitz und verglich die beiden Kleinstädte Weißwasser und Forst hinsichtlich verschiedener Bedingungen zivilgesellschaftlicher Netzwerke.  „Schon da war ich überrascht, wie viele gut funktionierende Netzwerke es gibt.“ Sie erzählt begeistert von ‚FwieKraft – Frauen.Leben.Lausitz.‘ „So viele tolle Frauen, die sich für die Lausitz, für erneuerbare Energien und Transformation einsetzen. Auch Frauen aus Polen und Tschechien sind in unserem Netzwerk.“

Bevor Stölzel beruflich in ihrer Heimat durchstartete, ging sie auf Weltreise. „Ich bereiste in eineinhalb Jahre zehn Länder in Zentral- und Lateinamerika. Nach dieser Zeit mit Rucksack nehme ich den Komfort und die Sicherheit in Deutschland ganz anders war.“

Stölzel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der United Nations University. Die Universität der Vereinten Nationen besteht aus 13 Instituten in zwölf Ländern. Flores in Dresden mit der Außenstelle Weißwasser ist ein Institut der weltweiten Universität. „Wir arbeiten als Wissenschaftler*innen weltweit an Themen, die für die Vereinten Nationen von Bedeutung sind.“ Sie zeigt auf das große Plakat mit den 17 Nachhaltigkeitszielen. „Hier am Standort Weißwasser geht es um alle sozialwissenschaftlichen Fragen rund um den Kohleausstieg.“ Die Lausitz könnte Modellregion von globalem Interesse werden. „Mein Hauptthema in der Forschung ist Gerechtigkeit.“ Und dann wird die junge Frau leidenschaftlich: „Es sind in der Region meist Männer ab 55, die die Entscheidungen treffen.“ Frauen, junge Menschen und Migrant*innen haben viel zu wenig Zugriff auf Entscheidungen. Die Daseinsvorsorge werde nur auf ältere Menschen ausgerichtet und nicht auf die junge Generation. „Somit gehen die Jungen und die Älteren, die zurückbleiben, fühlen sich vernachlässigt.“  

„Gendern ist Wirtschaftsförderung.“ Stölzel wird nicht müde, diese Position immer wieder in der Öffentlichkeit zu wiederholen. Das gesprochene Gendersternchen, also eine Sprechpause bei Personenbezeichnungen, ist das hörbare Zeichen, wie ernst ihr Geschlechtergerechtigkeit ist.  „Das mache ich konsequent bei allen Versammlungen, Sitzungen, Diskussionsrunden oder Workshops.“ Und dann könne es schon mal passieren, dass Stölzel mit einem älteren Herrn nicht über ihre Forschungsarbeit spricht, sondern über Sinn und Zweck des Genderns. „Aber ich bin der Meinung, dass es ohne Gendern kein Wirtschaftswachstum in der Lausitz geben wird.“ Denn wenn die Lausitz für junge, gute ausgebildete Fachkräfte attraktiv sein will, dann müssen auch alle Bevölkerungsgruppen in den Blick genommen werden und das fängt für die Lausitz-Aktivistin bei der Sprache an. „Ja, es ist ein Kampf“, gibt sie zu. „Aber ich merke auch, wie langsam ein Umdenken stattfindet. An unseren starken Netzwerken kommen die alten Männer nicht mehr vorbei.“

Stölzel ist überzeugt, dass ein Kohleausstieg bis 2030 auch in der Lausitz möglich ist. „Es gibt genug seriöse Studien, die das belegen“, so die Transformationswissenschaftlerin. „Ich sehe die Ängste, Sorgen und Nöte der Menschen in der Lausitz. Deshalb ist es mein Ziel, daran zu arbeiten, dass die Transformation gerecht und sozialverträglich gestaltet wird. „Die Arbeitsplätze sind nicht der Punkt“, so Stölzel.  Der Anteil der Menschen, die im Bereich Kohle arbeiten, sei jetzt schon gering und auch in der Lausitz herrscht Fachkräftemangel. Sorge bereite den Menschen die Einkommenseinbußen. Denn es sei bekannt, dass das Energieunternehmen für die Region überdurchschnittlich hohe Löhne zahlt. Aber der größte Widerstand gegen den Kohleausbau sieht Stölzel darin: „Kohle ist Identität.“ So gibt es hier den größten beweglichen Bagger der Welt, der weltweit nachgebaut wird. „Darauf sind die Menschen stolz.“ Deshalb beschäftigt sie sich in ihrer Forschung auch mit der Frage: „Wie können wir die Akzeptanz des Wandels stärken und Menschen in diese Prozesse einbeziehen?“

Noch gibt es freie Arbeitsplätze in ihrem Büro in Weißwasser. „Wir sind noch im Aufbau und es werden noch Wissenschaftler*innen gesucht, die hier Strategien zur gerechten Transformation entwickeln und erforschen“, begründet sie die noch leeren Arbeitsplätze.  Wenn es der jungen Frau in Weißwasser zu langweilig wird oder sie fachlichen Austausch sucht, dann fährt sie nach Dresden an die United Nations University. „Dort kann ich Mitarbeitende aus 40 Nationen treffen. Ich mag das Multikulturelle und ein bisschen davon, möchte ich auch nach Weißwasser holen.“ Und am Wochenende geht es privat in das Dreiländereck, nach Prag oder Breslau. „Es ist so bereichernd grenzenlos unterwegs zu sein. Das ist Lausitz.“

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