Oder-NeiĂźe grenzenlos

Erinnern, Gedenken, Mahnen

Von dem ehemaligen deutschen Kriegsgefangenenlager Stalag VIII A südöstlich von Zgorzelec ist nicht mehr viel zu sehen. Baumaterial war nach dem Krieg knapp, so wurden die Baracken abgetragen. Die Natur hat alles überwuchert. Es gibt nicht viel zu sehen, wenn man die angelegten Wege über das ehemalige Stammlager (Stalag) geht. Aber die Texte des Audioguides und die Schautafeln mit den Biografien einzelner Gefangener lassen das unendliche Leid erahnen, das Menschen hier zugeführt wurde. Die Natur hat vielleicht alles überwuchert, aber die Narben und Verletzungen der ehemaligen Kriegsgefangenen, der Angehörigen und Nachkommen bleiben. Sie überwuchern nicht, sie geraten höchstens in Vergessenheit.

Gegen das Vergessen sowie für das Erinnern und Gedenken arbeiten der deutsche Verein Meetingpoint Memory Messiaen und die polnische Stiftung Erinnerung, Bildung, Kultur (Fundacja Pamięć, Edukacja, Kultura) eng zusammen. „Gemeinsames Ziel ist es, den Ort, auf dem das ehemalige Stammlager stand, als Gedenkstätte zu aktivieren und eine Begegnungsstätte einzurichten“, so Alexandra Grochowski, Geschäftsleiterin des Vereins Meetingpoint Memory Messiaen. „Hier begegnen sich Polen und Deutsche, überwiegend Schüler, um sich gemeinsam mit der Geschichte dieses Lagers auseinanderzusetzen.“ Stalag VIII A war eines von insgesamt 220 Kriegsgefangenenlagern in Deutschland. Zugehörig zum Wehrkeis VIII wurde es im August 1939 eingerichtet. Es waren ausschließlich polnische Kriegsgefangene, die es ab September 1939 aufbauen mussten. Stalag VIII A wurde über Jahrzehnte hinweg fast vollständig aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht – sowohl auf deutscher als auch auf polnischer Seite der ab 1945 geteilten Stadt Görlitz/Zgorzelec. „Und jetzt gemeinsam auf diese Geschichte zu schauen, ist eine große Herausforderung“, gibt Alexandra Grochowski zu. „Wir diskutieren im Team viel über unsere unterschiedlichen Geschichtsbilder und wie wir die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers vermitteln. Durch diesen Prozess haben wir aber Vertrauen zueinander gewonnen.“  Grundlage des Konzeptes sei es, die Geschichte aus der Opferperspektive der Kriegsgefangenen aus unterschiedlichen Nationen in den Mittelpunkt zu stellen. Fast alle Mitarbeitenden im Verein und in der Stiftung sind zweisprachig und in beiden Kulturen zu Hause. „Anders würde es nicht funktionieren“, so die 34-Jährige.

„Wir arbeiten in der Regel mit gemischten Gruppen aus polnischen und deutschen Jugendlichen.“ Wichtig sei dabei die Unterstützung der Sprachmittler, die extra dafür ausgebildet sind, dass beide Sprachen in der Kommunikation gleichwertig nebeneinanderstehen. „Neben der Bildungsarbeit steht immer die Begegnung.“ Ziel ist es, dass die Jugendlichen die Geschichte des jeweiligen anderen Landes kennenlernen. „Wir schauen in den Workshops aber auch gemeinsam in die Zukunft, um aus der Geschichte zu lernen und das demokratische Bewusstsein zu fördern. Wir diskutierten mit den Jugendlichen Begriffe wie Meinungsfreiheit, Informationskrieg oder Fake News.“ Mit speziellen Methoden werde versucht, dass die Jugendlichen in den Austausch kommen.

Zur Aufgabe des Vereins gehört auch das Gedenken an das Schaffen des französischen Pianisten und Komponisten Olivier Messiaen, der von 1940 bis 1941 im Stalag VIII A inhaftiert war. Während der Gefangenschaft vollendete er sein „Quartett auf das Ende der Zeit“ für Geige, Klarinette, Cello und Klavier. „Das Besondere ist nicht die Komposition, sondern dass das Werk am 15. Juni 1941 im Lager vor etwa 400 Kriegsgefangenen uraufgeführt wurde“, erklärt Alexandra Grochowski. Die Komposition sei ein Zeichen, dass Musik und Kultur bei größtem Schmerz und Elend ein Zeichen der Hoffnung sein können. Zum Gedenken aller, die im Stalag VIII A litten, bangten und hofften, lädt der Meetingpoint Memory Messiaen seit 2008 jährlich am 15. Januar zu einem Konzert ein, bei dem das Quartett von Messiaen erklingt. Mittlerweile ist dieses Konzert Bestandteil eines mehrtägigen Festivals, das Menschen aus Polen und Sachsen, aber auch aus ganz Europa an dem Ort zusammenbringt, wo die Menschenwürde missachtet und gleichzeitig Musikgeschichte geschrieben wurde.

Alexandra Grochowski ist in zwei Kulturen zu Hause. Als Kleinkind kam sie mit ihren Eltern als Spätaussiedlerin von Oberschlesien (Raum Katowice) nach Deutschland. Ihre Muttersprache ist Oberschlesisch, eine Mischung aus Polnisch, Deutsch und Tschechisch. „Geschichte, das deutsch-polnische Verhältnis und die Arbeit mit jungen Menschen haben mich schon immer interessiert.“ In der Arbeit von Meetingpoint Memory Messiaen sieht sie einen wichtigen Baustein in der Annäherung der beiden Staaten. Sie nimmt wahr, dass der Deutsche Blick immer noch in erster Linie nach Westen gerichtet ist. Als ein Beispiel nennt sie das Deutsch-Französische Jugendwerk, das seit 60 Jahren besteht, während das Deutsch-Polnische Jugendwerk erst 1991 gegründet wurde und mit einer viel geringeren finanziellen Ausstattung arbeiten muss. Als großen Fortschritt sieht sie es, dass Verein und Stiftung jetzt für das umfangreiche Bildungsangebot in Polen deutsche Fördersätze beim Deutsch-Polnischen Jugendwerk beantragen können. Der aktuelle Krieg in der Ukraine unterstreicht auf dramatische Weise die Bedeutung dieser Gedenkstätte, die gemeinsam von zwei Nationen betrieben wird.










		

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