Oder-Neiße grenzenlos

Ein Leben in Görlitz

Görlitz ist ihre Stadt. Erika Heine ist hier geboren und aufgewachsen und hat immer in dieser Stadt gelebt. „Ich kenne hier so viele Menschen. Wenn ich durch die Straßen gehe, bin ich nur am Grüßen.“ Und sie schwärmt weiter: „Die Parks, das viele Grün und der Fluss.“ Schon immer hat sie auch der Ostteil der Stadt, interessiert.

Erika Heine erzählt, dass sie bereits 1968 als 14-Jährige mit ihrer Schwester und ihrem Schwager das erste Mal in Zgorzelec war und nur positive Erinnerungen an den Besuch hat. Ein junger Mann flirtete mit ihr und gab ihr einen Handkuss. „Das kannte ich ja gar nicht, aber in Polen war das üblich.“  Ab 1972 war es für Polen und DDR-Bürger möglich, das Nachbarland ohne Visum zu besuchen. „Mit meinem Freund ging ich regelmäßig über die Grenze auf die Polenmärkte.“ Sie schwärmt, was dort alles angeboten wurde: „Sachen, die es bei uns nicht gab, wie zum Beispiel Schallplatten, billige Plastikscheiben, auf die ein Rocksong gepresst war. Die Qualität war furchtbar, aber für uns war es die einzige Möglichkeit an diese Musik zu kommen, denn Westfernsehen oder Westradio konnte man in Görlitz nicht empfangen.“  Gleichzeitig kamen aber auch viele Polen nach Görlitz zum Einkaufen, erinnert sich Erika Heine. Der Mangel an Waren des täglichen Lebens sei in Polen noch viel größer gewesen als in der DDR. „Wir kauften Luxusartikel in Polen, während die Polen das kauften, was sie zum Leben brauchten“, fasst die 69-Jährige ihre Erinnerungen zusammen. Sie berichtet von polnischen Unternehmen, die Einkaufstouren in die Grenzstädte organisierten. „Manche Görlitzer waren über den Ansturm der Polen nicht begeistert, setzten sich aber auch nicht mit deren Beweggründen auseinander“, kritisiert sie.

Die Görlitzerin erinnert sich an gemeinsame Ausflüge mit ihren Eltern in den 70er Jahren nach Polen zum Beispiel in das Riesengebirge. „Meine Eltern konnten damit an frühere Zeiten anknüpfen und schwärmten, wie schön doch alles vor dem Krieg gewesen sei.“  Als junge Frau habe sie das wenig interessiert. „Heute weiß man, warum manche Dörfer oder Häuser in polnischen Dörfern nicht renoviert wurden. Die Menschen in Polen waren unsicher, ob sie in den Häusern, in die sie nach 1945 gezogen sind, bleiben dürfen.“ Erika Heine erklärt, warum das Thema Vertreibung in den Familien und schon gar nicht in der Öffentlichkeit thematisiert wurde: „Allein die Frage danach, hätte bedeuten können, dass man die Oder-Neiße-Friedensgrenze, wie es offiziell hieß, anzweifeln würde. Aus dem gleichen Grund war auch der Begriff ‚Schlesien‘ verpönt.“

1980 schlossen die Grenzen zwischen Polen und DDR wieder. 1981 wurde das Kriegsrecht in Polen verhängt. „Über den Auslöser, also die freie Gewerkschaft Solidarność, erfuhren wir in den DDR-Nachrichten kaum etwas. Aber wir haben auch wenig hinterfragt und uns an den neuen Zustand, dass die Grenze wieder dicht war, gewöhnt.“

Mit der Wende 1989 blühte „ihre“ Stadt auf. „Es ist beeindruckend, was hier passiert ist. Die Altstadt und ganze Häuserzeilen, die wirklich schrecklich waren, wurden renoviert.“ Es sei spannend gewesen, dies in den letzten 30 Jahren zu verfolgen. „Und man kann sich nur glücklich und dankbar schätzen, dass man diese Entwicklung der Stadt erleben durfte.“  Sie glaubt allerdings, dass es noch ein weiter Weg ist, bis Görlitz und Zgorzelec zu einer gemeinsamen Europastadt zusammenwachsen. „Es braucht vor allem Zeit und differenzierte Betrachtungsweisen.“ Ihre Generation sei noch mit Vorurteilen gegenüber Polen groß geworden und diese Klischees würden immer wieder hervorgeholt, kritisiert sie. „Damit müsse doch jetzt endlich mal Schluss sein.“ Einer ihrer besten Freunde komme aus Polen, so dass sie diese Vorbehalte längst abgebaut habe.

Erika Heine leistet mittlerweile einen aktiven Beitrag, dass Görlitz eine lebenswerte Stadt ist: Seit 2007 betreibt sie ihr eigenes Kino mit einer Bar. „Mit fünf Jahren habe ich im Kino den Märchenfilm ‚Das singende, klingende Bäumchen‘ gesehen und wusste, so etwas möchte ich auch haben“, erzählt die 69-Jährige. „Aber zu DDR-Zeiten war an ein privates Kino gar nicht zu denken.“ Jetzt hat sie ihr eigenes Programmkino ganz nach ihren Vorstellungen eingerichtet. Auch die Filme sucht sie selbst aus. „Ich bin total glücklich mit meinem Kino in Görlitz.“

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